Designer Sheila Seyfert

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Harald Martenstein Kolumne

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Wer die Zeit ließt, freut sich eventuell genau so sehr auf die Magazin-Beilage wie ich, um so mehr war ich begeistert als ich 2009 für 3 Wochen als Illustrator einspringen durfte.

Eine meinerliebsten Kolumnen von Martenstein ist die hier:

“Wenn ich genug Geld hätte, würde ich einen Neinsager einstellen” Harald Martenstein über das Schreiben unter Zeitdruck.
Ein Kollege rief an, ich sollte einen Artikel schreiben, bis übermorgen. Ich schaute auf den Wochenplan. Am nächsten Morgen war eine Lesung in einer Schule, am Abend war eine Lesung in einer Kirche. Der Kollege sagte: »Das schaffst du doch in 20 Minuten.« Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben schon mal einen Artikel in 20 Minuten geschrieben habe. Vielleicht eine Polizeimeldung. Aber ich habe mich hingesetzt, ich habe es versucht. Ich will immer nett sein. Ich kann schlecht Nein sagen. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich einen Neinsager einstellen. Ich würde dem Neinsager 2000 Euro dafür bezahlen, dass er immer ans Telefon geht und Nein sagt.

Nein, er kann Ihr Buch nicht lesen. Er ist müde. Nein, er kommt nicht, er spricht nicht, er schreibt kein Grußwort, er schaut auch nicht kurz vorbei, nein, nein, nein. Er schläft. Er liest ein anderes Buch. Er putzt sich die Zähne. Er muss das jetzt tun. Sonst kriegt er Karies. Danach gießt er die Blumen und kuckt Fußball. Zum Fußball sagt er Ja.

Man will den Anforderungen gerecht werden. Man möchte nett sein. Man möchte niemanden enttäuschen. Das ist ein Riesenproblem. Als Zweites würde ich einen Psychocoach einstellen. Der Psychocoach würde sagen: »Sie sollen dich nicht lieben. Sie sollen dich fürchten. Wenn sie dich für schwierig, heikel, schwer zu händeln, extrem geldgierig und latent bösartig halten, dann machst du es genau richtig, mein Freund. Dass du im Grunde ein ganz okayer Typ bist, das bleibt unter uns.«

Also habe ich an dem Artikel gesessen. Das passte schon noch irgendwie in den Wochenplan hinein. Nach zehn Minuten bin ich aufgestanden und zum Briefkasten gegangen. Ich habe eine innere Stimme gehört, sie sagte: »Geh zum Briefkasten!« Der Briefkasten stand offen. Er war kaputt. Wie kann so etwas passieren? Nichts hält ewig, das ist schon klar, aber man denkt doch nicht, dass es auch auf Briefkästen zutrifft. Ich habe keine Ahnung, welcher Zweig des Handwerks für die Reparatur von Briefkästen zuständig ist, wo schaut man da im Telefonbuch? Unter Kommunikation? Oder unter Eisenwaren?

Von diesem Moment an konnte ich mich nicht mehr auf das Thema des Artikels konzentrieren, ich musste ständig an den kaputten Briefkasten denken. Mir fiel der Satz ein: »Ohne Briefkasten kann ich nicht leben.« Hat schon jemals ein Mensch diesen Satz gedacht oder ausgesprochen? Die Zeit verrann. Ich konnte doch unmöglich den Kollegen anrufen und sagen, dass ich den Text nun doch nicht liefere, weil unerwartet mein Briefkasten kaputtgegangen ist. Wenn doch nur der Neinsager und der Psychocoach da gewesen wären.
Man liest immer: »Vereinbarkeit von Beruf und Familie«. Das ist eine Formulierung, die oft auftaucht. Das ist ein Ziel. Neben dem Beruf und der Familie gibt es aber noch eine dritte Kategorie, die aus kaputten Briefkästen besteht. Halt, den Sport habe ich noch vergessen. Ein bisschen Sport muss sein. Übrigens, wenn das Kind größer wird, braucht man weniger Zeit für Elternabende, Fieberzäpfchenverabreichungen und Martinsumzüge, diese frei werdende Zeit schlucken die Ärzte, der kaputte Briefkasten und der Sport. Die Formulierung »Beruf und Familie« ist ungenau und stark vereinfachend. Dann habe ich dem Kollegen eine Absage-Mail geschickt, mich tausendmal entschuldigt und kein Wort von dem Briefkasten erwähnt. Ich habe mich mies gefühlt. Er schrieb zurück, das mache gar nichts, kein Problem. Für die Briefkästen ist, dies nur am Rande, der Hausmeister zuständig.

Sheila SeyfertComment